MotoGP auf dem Sachsenring: GermanGP in Review

Unfassbar schnelle Bikes, ohrenbetäubender Sound, welcher aus den Endschalldämpfern bei weit über 16.000 U/min herausdröhnt, durchgehender Sonnenschein und unglaublich viele hübsche Frauen. Vergangenes Wochenende haben wir den Deutschland Grand Prix der MotoGP am Sachsenring besucht – ein komplettes Rennwochenende vollgepackt mit actionreichen Sessions aller Klassen der Motorradweltmeisterschaft, zu welcher auch die Königsklasse gehört.

Athina-Forward-Racing-Box-Above

Die Atmosphäre ist selbst einige Tage vor dem Rennen bereits gigantisch. Zelte, Liegestühle, improvisierte Lounges und natürlich Bier und Bratwurst – des deutschen liebste Speisen im Sommer – sind hier an fast jedem Quadratmeter Land rund um die Rennstrecke inmitten der malerischen Landschaft Sachsens zu finden. Obwohl lediglich das erste Freie Training am Freitag gerade durchgeführt wird, sind die Zugänge zu den Tribünen aus einem Meer von blauen, roten und schwarzen T-Shirts, Polohemden und mitunter auch Lederkombis (bei 31° Celsius) gefüllt. Die Stimmung der Fans scheint bereits jetzt auf dem Sidepunkt angelangt zu sein, vor allem als Rossi – der Doktor – nach seinem ersten Lauf auf dem Scooter zurück zum Motorhome des Yamaha Movistar-Teams fährt, das dem eines F1-Rennstalls in nichts nach steht, und gefühlt 4/5 aller Zuschauer losjubeln. Tobender Applaus für den wohl verrücktesten Vogel, den der Motorsport je hervorgebracht hat. Exotisch sind auch die verrückten Verkleidungen der z. T. aus anderen Kontinenten wie Japan angereisten eingefleischten Fans.

Valentino-Rossi-Fan-Sachsenring

Doch ich muss jetzt langsam weiter, denn um 17:00 Uhr ist der Interviewtermin mit dem einzig deutschen MotoGP-Fahrer Stefan Bradl angesetzt. Dort wo Val mit der Nummer #46 gerade auch die breite Gasse hinunter läuft: im Fahrerlager bekommt man wenig vom ganzen Trubel mit, außer dem üblichen Szenario, wenn ein Fahrer einen Schritt aus den zweistöckigen Luxus-Wohncontainern setzt. Dann rennen die Fotografen mit all ihrem Equipment quer über das ganze Arial. Ich will doch nur Fragen stellen, nicht aber gleich als lebende Stufe für die Motorradpaparazzi umgenietet oder missbraucht werden. Da wir uns nur unterhalten wollen, geht es also in das Innere des Teamcontainers von Athina Forward Racing. Der ehemalige Moto2-Weltmeister setzt sich lässig auf den Vorsprung der Bühne, wo sonst Präsentationen gehalten werden. Er nimmt sich Zeit für die Begrüßung und wedelt mit beiden Armen, dabei scheint ihm sein vergipster Arm auch nicht ein kleines bisschen die Stimmung zu vermiesen. Er spricht ganz offen über das Problem der Förderung von deutschem Nachwuchs im Motorradsport, seiner Verletzung und gibt auch Predictions ab, die ihr hier lesen könnt. Was ein cooler, bodenständiger Typ!

Stefan-Bradl-Photo-Shooting-Athina-Forward-Racing

Da der Samstag der wohl Ereignisreichste Tag des gesamten Wochenendes ist, geht es bereits am frühen Morgen mit den Vorbereitungen bei den Teams los. Yuri ist ein ca. 185 cm großer Russe, der jeder Zeit zwischen Englisch und fließendem italienisch wechselt. Er empfängt uns mit leicht besorgtem Blick, denn der Zeitplan ist eng. Trotzdem lässt der Mann mit den roten Haaren, die einen Kranz um seine obere Kopfhaut bilden, uns in die heiligen Hallen. Die Box des Ducati Werksteams ist genauso aufgebaut wie eine Box aus der Formel 1. Hier fehlen lediglich die Kommunikationsgeräte für den Funk auf der Strecke. Im kalten Licht der Leuchtstoffröhren stehen die Bikes komplett nackt auf der Bühne. ECU, Verkabelung, Messboxen und alle Komponenten sind einzusehen. Über ein Datenkabel ließt der Ingenieur die Protokolle der Messinstrumente des 3. Freien Trainings aus. Danach wird mit dem Fahrer besprochen ob und wo z. B. die Traktionskontrolle angepasst oder gänzlich deaktiviert wird, wo die Drosselklappenstellung wann wie weit offen ist – mittlerweile lässt sich fast jeder Wunsch des Piloten umsetzen und dies dann auch noch an einem Mapping, welches per GPS diverse Funktion auch Ortsgebunden, also auf einem bestimmten Teil der Strecke regeln kann. Mehr darf ich hier auch überhaupt nicht verraten.

VIP-Village-MotoGP-Catering

VIP-Village-MotoGP-Sachsenring-Dessert

Apropos enger Zeitplan – es bleibt gerade einmal Zeit im VIP Village kurz zu verschnaufen und das Mittagessen einzunehmen – oder darf es doch etwas Dessert sein? – bevor wir das Qualifying der MotoGP-Klasse aus der Box von iodaracing verfolgen. Es ist völlig schräg zu sehen, wie fokussiert und gleichzeitig gelassen solch ein Qualifying ablaufen kann. Das gesamte Team konzentriert sich nur auf Alex De Angelis, versucht dessen Wünsche zu realisieren, wenn er wieder kurz zurück zur Box fährt, nur um dann einige Sekunden später mit offenem Hahn schnellstmöglich wieder auf der Strecke zu sein.

Alex-de-Angelis-Boxenstop

Brembo-Bremsscheibe-MotoGP-Felge

Nicht nur für mich ist der Nerven und Material zehrende Sachsenring mit dem technisch anspruchsvollen Layout, welches hauptsächlich aus links Kurven besteht (10 an der Zahl, gegen 3 Rechtskurven), die pure Faszination da dies gleichzeitig mein erstes Mal auf dieser Rennstrecke wie auch bei der MotoGP darstellt. Auch für Bridgestone ist das Rennen in Deutschland etwas ganz besonderes, denn hier wird zum ersten Mal der asymmetrische Vorderreifen eingeführt. In Bridgestones Fitting Area, dem gigantischen weißen Zelt mit Wuchtmaschinen, Regalen und Reifenspezialisten, wo jedes MotoGP-Team seine Felgen zum Aufzug der Pneus hin liefert, erklärt uns der Motoradsport-Chef die Besonderheiten dieses Mischcompounds, welche wir auf unserem Automobilblog zusammengefasst haben. Aufgrund der Gleichbehandlung existieren auf der Karkasse zwei Barcodes, der eine dient intern für die Lagerung, der andere ist von der FIM vorgegeben, hinter der sich eine nur dem Verband bekannte Losnummer verbirgt. Mitarbeiter beider Organisationen überwachen nach Ziehung auch die tatsächliche Vergabe des Reifens an das Team wie auch den Montagevorgang. Übrigens wird jedem Rennstall pro Fahrer lediglich 21 Reifen pro Wochenende zur Verfügung gestellt: 10 Vorderreifen, 11 Hinterreifen.

marc-vds-motogp-pit-sachsenring

Sachsenring-AB-Racing-Boxengasse

Sonntag beginnt dann die volle Ekstase: die Tribünen sind proppenvoll, die Ordner haben alle Hände voll zu tun damit die Fans nicht für ihr Idol über Zäune springen und der Krach ist gewaltig, denn nun starten zeitgleich bis zu zwanzig Fahrer im Feld! Jeder genießt bei strahlendem Sonnenschein die Benzingetränkte Luft – ungefiltert durch die Regie der Fernsehsender noch durch einen Katalysator. Leider geil! Ich brauch euch nicht verraten, dass die Yamahas auf dieser Rennstrecke ihre Probleme aufgrund des abgehackten Rennflusses in den ersten Turns hat – Rossi ist es dennoch gelungen einen guten dritten Platz einzufahren vor seinem Teamkollegen Lorenzo. Der erste und zwei Platz geht an das Team Repsol Honda, wobei Marc Marquez mit der Fahrt auf Platz 1 seinen Winningstreak beim Großen Preis von Deutschland auf unglaubliche sechs Siege in Folge ausbaut! Trotzdem bleibt  der Doktor WM-Spitzenreiter in der Tabelle.

VIP-Village-Sachsenring

Doreen-Seidel-Moto2-Bike

Die besten Nachricht aber zum Schluss alles was ich hier aufgelistet habe ist keine exklusive Erfahrung, die ihr nicht auch machen könnt, denn die MotoGP bietet im Gegensatz zur Formel 1 ein sehr persönliches und nahes Umfeld ohne große Barrieren zwischen Fahrern und Fans an. Man kann für gut 850,00 € ein Komplett-Paket für das VIP Village, einem abgetrennten Bereich im Infield, buchen, in welchem Paddock Touren, der Pit Lane Walk, Frühstück und Mittagessen auf Michelin Sterne-Niveau, eine Cocktail und Kaffeebar, ein eigener Parkplatz in unmittelbarer Nähe sowie eine eigene Haupttribüne auf der Start-Ziel-Geraden inkludiert sind. Bei der Formel 1 zahlt man das mehr als fünffache für solch eine Erfahrung und dort sind keine Interviews oder Fotomöglichkeiten mit den Stars inbegriffen.

Andrea-Iannone-Ducati-Interview

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