Warum die Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio 72.800 € kosten darf

Alfa Romeo ist zurück. Das ist lange schon kein Geheimnis mehr. Mit der Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio ziert endlich wieder das Kleeblatt ein Modell. Mit dem Spenderherz von Ferrari und Rennsporttechnik aus Maranello verkörpert die formschöne Giulia das, was Enthusiasten mit der Marke verbinden. Emotionen pur. Vor allem auf der Rennstrecke, denn hierfür wurde sie geschaffen.

3/4 Ferrari. Spenderherz aus Maranello.

Die Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio das Leistungsstärkste Fahrzeug das Alfa Romeo jemals gebaut hat. 510 PS aus 2,9 L Hubraum leistet der V6 mit einer Zylinderbankausrichtung von 90°. Ich weiss beim besten Willen nicht, wie die Ingenieure es geschafft haben, den Motor exakt so klingen zu lassen wie einen V8 aus dem Hause mit dem springenden Pferd. Aber sie haben es geschafft. Beeindruckender ist die Tatsache, dass die völlig kranke Idee, den Motorblock eines Ferrari 488 GTB zu nehmen, diesen um zwei Zylinder zu kürzen und in den viel zu kleinen Motorraum der Alfa Romeo Giulia zu zwängen, aufgegangen ist. Normalerweise geht so etwas schief oder endet in einem Frankstein-Experiment. Zugeben, die Italiener haben ein Monster geschaffen. Der Motor macht alleine mehr als die Hälfte des kompletten Fahrzeugpreises aus. Rund 40.000 €!

Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio rot Frontal

Im Klartext heißt das: 72.800 € für eine Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio. Normalerweise müsste man sich am laufenden Band Facepalmen. Wer zur Hölle hat im Vorstand die Entscheidung getroffen die Alfa Romeo Giulia QV zu bauen. Wenn man bedenkt, dass Alfa Romeo so gut wie keine Reputation in Punkto Zuverlässigkeit aufgebaut hat und Fiat noch 2014 mit einem Quartalsverlust von 319 Millionen Euro die Aktionäre reihenweise in Schnappatmung versetzte. Wie gesagt auf dem Papier ergibt dies keinen Sinn. Doch damals hatte Konzernchef Sergio Marchionne schon weiter gedacht. Alfa sollte mit Milliarden-Investments zum Aushängeschild von Fiat Chrysler werden. Und man ist auf einem guten Weg dahin.

Emotional. Von Haus aus.

Die Giulia Quadrifoglio ist so gesehen ein pures Marketinginstrument. Eines, was die Marke bitter nötig hat, blieben doch trotz des Supersportlers 8C und dem 4C die Emotionen aus. Doch dann fuhr ich mit der Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio bei meinem alten Herrn vor. Er hat über ein Jahrzehnt jedes neue Alfa-Modell besessen. Nach anfänglicher Skepsis bezüglich der Qualität der Marke in den vergangenen Jahren, sah ich eines. Und das machte mich unglaublich glücklich. Ich sah ihn lächeln. Die ganze Zeit. Während der Fahrt. Beim Aussteigen. Beim Anblick des Fahrzeugs. Ich ging soweit und fuhr zwei italienische Restaurants in Düsseldorf an. Kellner und Köche rannten aus dem Restaurant heraus als sie das Kleeblatt an der Seite sahen und riefen nur „Quadrifoglio! Was eine Auto!“. Ich wünschte ich könnte mit Schriftarten gestikulieren.

Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio rot Pizzeria Pinocchio Adenau

Es ist schwer zu beschreiben wie viel die Geschichte von Alfa wiegt. Wie sehr Emotionen mit dieser bodenständige Marke vernetzt sind. Denn was Alfa Romeo eben richtig gut kann, ist einen Gentleman-Racer – einen Wolf im Schafspelz – vor die Tür zu stellen. Zurückhaltend, elegant und keineswegs provozierend.

RACE. Keine Option, eine Aufforderung.

Solange bis man den Fahrmodus auf RACE stellt. Wie eine Kindersicherung muss der Wahlschalter erst gegen einen Widerstand gedreht werden, ehe die Meldung im Display erscheint, dass jegliche (elektronische) Fahrassistenten, das ESP und die Traktionskontrolle deaktiviert wurden. Die geöffneten Klappen der brutalen Auspuffanlage bestätigen mit einem brabbeln wie aus dem Leerbuch für akustische Orgasmen. Was Frau im Innenraum direkt spürt: zitternde Oberschenkel. Die Erde fängt an zu beben. Es wie Rodeo reiten, nur eben mit dem wütendsten Hengst im Stall. Wenn du fällst, dann richtig. Du hast nicht mal einen Sattel. Lediglich die Wahl zwischen dem brettharten Stoßdämpfersetting oder einer milderen Form des Bandscheibenvorfalls. Traktion über allem!

Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio rot Burnout Rauchentwicklung

Normalerweise reichen 600 Nm Drehmoment nicht aus um die üblichen Mittelklasselimousinen angemessen nach vorne zu peitschen. Doch die Quadrifoglio wiegt fast 200 kg weniger (Leergewicht: 1525 kg) als die Konkurrenz von BMW und Mercedes. Hier ist nichts gestrippt, dafür sorgt die überaus großzügige Verarbeitung von Carbon an Karosserieteilen. Die Motorhaube wurde beispielsweise komplett aus Kohlefaserverstärktem Kunststoff gefertigt und lässt sich demontiert mit nur zwei Fingern tragen. Ebenso das Dach. Die Halbschalensitze von Sparco kosten alleine 3.800 Euro Aufpreis. Diese könnten einem Science-Fiction-Film entstammen. Hier wird geklotzt, nicht gekleckert. 3,9 Sekunden von 0 auf 100. Höchstgeschwindigkeit 307 km/h. Keramikbremsscheiben in Pizzatellergröße von Brembo für 7.500 € verpflichtend.

 Gewinnertyp.

Beste Voraussetzungen also für Spaß! Denkste. Den Italienern ist es gelungen ein Setup zu Basteln, dass Alfa nicht nur den Rundenrekord auf dem Nürburgring für die schnellste Mittelklasselimousine eingebracht hat, sondern das Fahrzeug nahezu Idioten-sicher macht. Wobei der Begriff Idiot meines Erachtens sehr dehnbar ist. Verlasst euch also nicht drauf.

Die elektronisch verstellbaren Dämpfer, aktive Aerodynamik und das Sperrdifferenzial an der Hinterachse sind der Schutzengel in der Taschenrakete. Völlig unreal. Die Alfa Giulia QV klebt wie eine Briefmarke am Boden. Einen großen Anteil daran, dass die Leistung überhaupt so unvermindert in Vortrieb umgesetzt werden kann und dabei nicht in Gummiabrieb und dem Nebenprodukt Rauch verwandelt wird, tragen die Pneus von Pirelli. Die Pirelli P Zero Corsa wurden als UHP speziell für das Fahrzeug entwickelt. Das steht so häufig in Pressemitteilungen. Ich bin allerdings hiervon überzeugt.

Kein unwillentliches Übersteuern, kein Schieben über die Vorderachse trotz voller Last auf der Hinterachse. Ein begnadenswertes Feedback der Lenkung und des Fahrwerks, welches die Regulation der Bodenbeckenmuskulatur deiner Freundin beim Sex in Frage stellt.

Die Abstimmung ist dermaßen genial, dass sie Adrian fast zum Verzweifeln gebracht hat. Die Alfa Giulia Quadrifoglio ist eben keine Poserin. Kein aggressives Fahrzeug, Sondern ein präzise gefertigtes Skalpell, das sich seinen Weg durch jede einzelne Hautfaser bis in dein Herz bannt. Dagegen werden sich die Erinnerungen an diese einzigartige Maschine für immer in unsere Köpfe einbrennen.

Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio rot Einsteigen Mann

Unsere getestete Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio kostet wie aus der Fotoserie konfiguriert 97.175 €.

Die kompletten Fotosets wurden von Adrian Bugaj (ab.images) für MANCVE.com produziert.

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