Sagte man den Amerikanern lange Zeit nach nur Massengüter und Einheitsbrei zu produzieren, so müssen sich heutzutage vor allem europäische Hersteller ähnlicher Kritik stellen. Neben saisonalem Fallobst wirkt die Modellpalette deutscher Premiumhersteller mittlerweile wie homogenes Saatgut. Stellt man die einzelnen Modelle der selben Fahrzeugklasse der Reihe nach auf einen nicht ausgeleuchteten Feldweg bei Nacht wird der Otto-Normalverbraucher diese anhand der Silhouette nicht einmal mehr auseinander halten können. Da tue selbst ich mich schwer. Ironischerweise hebt sich gerade ein Amerikaner von der breiten Masse ab. Anstatt vom Publikum stillschweigend akzeptiert zu werden, polarisiert der Cadillac CT6 mit seiner konsequenten Formsprache und ruft Fragen auf. Zahlreiche. Mit ebenso konkreten Antworten. Zum Beispiel nach dem Preis. Oberklasse beginnt bei Cadillac nämlich bereits ab 73.500 € – knapp 10.000 € unter dem Einstiegsmodell der Konkurrenz.

Cadillac CT6: Publikumsliebling

Ich kann euch beruhigen. Es folgt nicht der in vollwertige Haupt- und Nebensätze gefasste Inhalt von Autoquartettkarten und dem Vergleich mit der Konkurrenz. Ganz ehrlich, die existiert auf dem Papier. Hier geht es um Individualisten, Selbstinszenierung und der strikten Ablehnung von Konventionen. Bitch please! Ich hätte den Cadillac CT6 nicht auf einer Kreuzung in Düsseldorf Unterbilk mit Warnblinkern abstellen müssen weil ein Defekt zweier Straßenbahnen den kompletten Verkehr auf einer der Hauptstraßen zum erliegen gebracht hat, um die geballte Aufmerksamkeit zu bekommen, die ich verdient habe. Pardon, ich meine natürlich die Aufmerksamkeit, die unser schneeweißer Weggefährte verdient hätte. Die kriegt er nämlich auch so. Egal wo.

Selbstbewusste Formsprache

Ob geparkt, auf der Straße, beim Shooting, verunfallt… ja selbst auf dem Schrottplatz seh ich noch den entsetzten Blick der Mitarbeiter, wenn diese das Fahrzeug im Jahr 2031 einmal verwerten sollen. Ich habe es bereits beim Jaguar F-TYPE SVR gesagt und ich sage es auch nun wieder: manche Fahrzeuge gehören in eine Vitrine oder direkt ins Museum. Weil ihr Design zeitlos, elegant und mutig ist.

Nichts anderes strahlt der Cadillac CT6 mit solch einer Überlegenheit, die beinahe schon als anbiedernde Arroganz gewertet werden könnte. Na gut, wir wissen schließlich auch, dass der Mercedes-Benz S-Klasse Kontrahent mal eben 3800 km innerhalb von 8 Tage bei widrigen Bedingungen wegsteckt. Widrig bedeutet in diesem Fall: unbefestigte Straßen auf über 1300 Meter Höhe, unangekündigte Blizzards in England, strömender Regen in Schottland, dichter Nebel auf der Isle of Skye und mindestens 900 km gesäumt mit Schotter. Die Schlaglöcher, in denen selbst Fußbälle versinken, die dazu völlig uneinsehbar sind, lasse ich mal außen vor. Denen widmen wir schließlich ein eigenes Kapitel.

Bose Panaray Surround Sound und Elvis Presley als Markenbotschafter

Hier spielt die Musik. Spätestens seitdem Elvis zum bekanntesten Brand Ambassador für die Marke Cadillac wurde und gleichzeitig auch die pinke Lackierung Salonfähig machte. Seine bekannteste Limousine, ein 1955 Cadillac Fleetwood, komplett in der Farbe Pink gehalten, mit strahlend weißem Dach, war das Aushängeschild für den Ford Konkurrenten schlechthin. Hätte Bose damals schon das Panaray Sound-System exklusiv im Fleetwood verbaut, wie es nun beim Cadillac CT6 in der Platinum Ausstattung der Fall ist, hätte Elvis sicherlich kein Tonstudio mehr zum abmischen benötigt.

Konzerttechnik in der Oberklasse. Panaray als eigene Handelsmarke ist im Consumerbereich gänzlich unbekannt. Ich wusste nicht einmal, dass dies eine spezielle Linie für Konzertsäle ist. Auf Festivals, in Stadien und bei Konzerten findet nämlich das ausgeklügelte Soundsystem erst seine Anwendung. Nun kommen auch Passagiere im Cadillac voll auf Ihre Kosten. Bose-typisch sind die tiefen Töne wie auch der Subwoofer dominant, doch das lässt sich schnell ändern. Ebenso wie die Surroundeinstellungen und die Abgrenzung der Kulisse in das Sitz-spezifische Centerpoint, zugeschnitten auf den Fahrer oder bestimmte Bereiche.

Cadillac CT6 Schottland Highlands Wald Schnee Straße

Wellness für alle!

Andere gehen in’s Spa, wir schenken uns das. Wir fahren schließlich ein Spa. Neben der chirurgisch peniblen Splittung von Tonfrequenzen, findet dank 20-fach verstellbaren Vordersitzen, Liegesitzen hinten mit Sitz- und Lehnenheizung, sowie zusätzlicher Kühlung, ebenfalls eine akkurate Segmentierung des Rückens in drei Teile statt. Auch wenn der Cadillac CT6 Platinum in den USA gebaut wird, meint man, dass kleinwüchsige Thai-Massösen in die Sesselartigen Stühle eingenäht sind. Denn endlich findet mal keine weichgespülte Massage (5 verschiedene Programme insgesamt) statt, sondern eine mit angenehmer Härte. Ein gutes Gefühl zum ersten Mal bei einem Roadtrip ohne Rückenschmerzen oder eingeschränkte Beinfreiheit auszusteigen; Freiheit auf allen vier Sitzplätzen!

Allrad-Lenkung und Magnetic Ride-Fahrwerk

Es ist allerdings mehr als nur eine Komponente, die den Cadillac CT6 förmlich dahingleiten lässt. Das aktive Fahrwerkssystem Magnetic Ride Control in Verbindung mit der Vierrad-Lenkung und dem Allrad gleichen nicht nur souverän Bodenwellen und Schlaglöcher aus, der Wendekreis des 5,30 m langen Schiffs ist dadurch beachtlich klein und vermittelt vor allem bei aufeinanderfolgenden Kurven mit engem Radius überraschende Agilität. Der Sportmodus innerhalb der Fahrmodi vermittelt dank der gerade einmal 1,8 t leichten Karosserie (das sind fast 800 kg weniger als üblich in der Fahrzeugklasse) echten Fahrspaß. Natürlich kennt dies aufgrund des großen Radstands und einem übertriebenen Aufschwimmen der Karosserie bei Senken mit Kompression seine Grenzen.

Dass 417 PS aus dem Drehmomentfreudigen TwinTurbo-V6 ausreichen, das hätten wir wirklich vor Antritt unseres Schottland Roadtrips nicht annähernd erahnt. Chapeau, Cadillac – starke Leistung!

CUE – Cadillac User Experience

Wer schlicht und einfach das Navigationssystem aus der Jurazeit vergessen will, der kann über das eingebaute Entertainmentsysteme nicht nur Filme über USB oder per DLNA abspielen, sondern gleich auch über den HDMI-Anschluss Geräte bzw. Displays duplizieren. Versteht mich nicht falsch. Das Kartenmaterial des Navis ist super, selbst in den Highlands wurde die noch so kleinste Abzweigung auf der Karte abgebildet. Allerdings versteht es das System gerne die ineffizienteste Route zu berechnen bzw. Wendemöglichkeiten auszulassen. Vor allem in Schottland ein Übel, auf das man gerne verzichtet. Leider ist es dem System trotz eingebauter SIM-Karte und WLAN-Hotspot nicht möglich aktuelle Stau- und Verkehrsdaten aus dem Internet zu beziehen und in die Routenberechnung einfließen zu lassen.

Gleichzeitig muss ich aber auch gestehen, dass ich wie sicherlich die meisten von uns ohnehin den Navigationssystemen nur grob zur ungefähren Routenfindung Beachtung schenke. Ausgenommen dem MMI von Audi – so ehrlich bin ich – verlasse ich mich auf kein OnBoard-Navigationssystem blind. Wie auch im Cadillac sind Apple CarPlay oder Android Car in Verbindung mit Apple Karten oder Google Maps eben das Nonplus-Ultra.

Genau genommen

Apropos User Experience. „Außen hui, innen pfui“ – dieses Sprichwort geht wohl den meisten Autobesitzern durch den Kopf, wenn sie an einen Ami geraten. Nicht aber beim CT6. Die Höchstabweichung beim Spaltmaß stimmt zwar exakt mit den Industriestandards und Werten deutscher Hersteller überein, wird allerdings mit einem zugedrückten Auge 1:1  statt im Metrischen System in das Imperialistische übernommen. 0,3 cm erlaubter Spalt sind dann eben 0,3 inch. Die verarbeiteten Materialien sind ordentlich. Im Dachhimmel lässt sich gut verarbeitetes Alcantara ertasten, die Zierleiste der Armaturentafel veredelt echtes Carbon. Ferner sind die großen Oberflächen und Wände mit glattem Leder überzogen. Hier ist in den letzten Jahre so einiges passiert!

Hingegen bleibt der liquide Käufer beim Konfigurieren des Fahrzeugs auf der Strecke. Anstatt komplette Individualisierungs-Optionen anzubieten, kauert Cadillac lediglich zwei Innenausstattungen hervor. Davon ist eine in grauem Leder mit schwarzen Applikationen gehalten, die andere in schwarzem Leder mit Holzdekor. Irgendwo bleibt er eben doch Amerikaner. Einer mit viel Anstand und Manieren.

Dafür punktet das vermeintliche Dickschiff in Punkto Dynamik und Gewicht. Mittels des sog. Fusion Frame, der Leichtbaustruktur von GM, wurden 13 Aluminiumgussteile durch eine neue Verbundtechnik zu einem einzig leichten und extrem Verwindungssteifen Einzelrahmen zusammengefügt. Dadurch verbessert sich nicht nur das Handling maßgeblich, es werden auch Emissionen und der Verbrauch durch einen kompakteren, effizienteren Motor gesenkt.

Fazit

Viel zu meckern gab es nun wirklich nicht. Einzig das seit Jahren rudimentäre CUE und ein etwas ruppiges Automatikgetriebe, das beim Anfahren hin und wieder etwas zu patriotisch, voller Ehrgeiz und Kraft schaltet, sind die gerechtfertigte Kritik an dieser Limousine, die so ziemlich alles richtig macht und unbeängstigt ihren eigenen Weg geht. Ich glaube ganz offen gesagt, dass Cadillac es mittlerweile immer besser beherrscht wirklich einen Lifestyle, eine Markenindentität zu leben und leben zu lassen. Keine Frage, viele ältere Autofahrer wollen nicht häufig neues ausprobieren. Doch vor allem jungen, erfolgreichen Menschen dürfte das Image der Marke passen. Ja, vielleicht erkennt man sich sogar selbst wieder.

Geschmackssache eben. Definitiv aber eine Diskussion wert, wie ich bei fast jeder Gelegenheit erleben durfte. Meistens sogar mit dem übereinstimmenden Ergebnis, dass weder das Interieur noch die Optik typisch amerikanisch sind. Das Familienwappen im Emblem streitet schließlich auch nicht die Europäische Herkunft ab 😉

Text: Stefan Maaß

Fotos: Adrian Bugaj