Audi stellt das Design des neuen Audi Q8 vor. Noch zeigt sich der Neue der Ingolstädter SUV-Familie eher schüchtern und lässt nur seine markantesten Linien im Dunkel einer blechernen Industriehalle durchschimmern. Die Frage nach seiner Identität stellt sich aber jetzt schon.

Audi Sport quattro. Kennern stehen bei dieser Wortkombination alle Härchen am Arm senkrecht. Sie lässt uns kollektiv von vergangenen Tagen träumen, als in der Automobilentwicklung Emotion statt Effizienz der vorherrschende Treiber für Innovation war. Damals, Anfang der Achtziger, als Walter Röhrl seinen bespoilerten 500 PS-Quattro über die Rallyepisten dieser Welt peitschte und Motorsport noch zum Anfassen war. Wortwörtlich. Zu tausenden versammelten sich die Rallyejünger des Planeten an den Schotterpisten, nur um einmal Zeuge der Gewalt des aufgeladenen Fünfzylinders zu sein. Ein Korridor aus Menschen, keine zwei Meter breit, durch den Röhrl mit stellenweise über 200 km/h raste. Blow-Off vorne, flammendes Anti-Lag-Inferno hinten und ein markerschütterndes Volllast-Schreien dazwischen. Man kann eine leise Ahnung davon bekommen, wie das damals gewesen sein muss. Flankiert von fanatischen Fans, mit den ganz fanatischen vor der Haube, im Rausch des gewaltig klingenden Fünfzylinders gen Horizont zu prügeln, als gäbe es kein Morgen.

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Pistensause

Drehen wir die Zeit cirka 35 Jahre nach vorne. Statt hemmungsloser Rallye-Bestien entwickelt man in Ingolstadt mittlerweile ganze SUV-Familien. Meist quadratisch, immer praktisch und für sich genommen gut. Nur sicher nie quattro im Sinne des Erfinders, doch der Reihe nach. Der neuste Sprössling im Ü-2-Tonnen-Club hört auf den Namen Audi Q8. Basierend auf dem Audi Q7 soll er Sportlichkeit (!) und Luxus vereinen. Die Formensprache, die das unterstreichen soll, ist dabei von keinem geringeren als dem Sport quattro inspiriert. Darüber hinaus gibt der Q8 einen Ausblick auf die künftige Designsprache der Audi-Q-Familie.

Audi Q8 Kühlergrill Schulterlinie Design Darkroom

Zunächst wäre da der neue Oktagongrill, der die Frontpartie dominiert und von einem individuell konfigurierbaren Rahmen (sog. Mask) umrandet wird. Die Dachlinie im Fastback-Design ist ganze 40 mm flacher als die des Audi Q7. Dadurch wirkt der Audi Q8 deutlich geduckter. Kombiniert mit kürzeren Überhängen, einer vorne und hinten gewachsenen Spur und längerem Radstand, entsteht auf den ersten Blick ein sehr sportiver Eindruck, den so auch der Lamborghini Urus trägt. Auf Wunsch stellt Audi den Q8 auf wunderschöne, konkav geformte 22-Zoll-Räder.

Audi Q8 Side view design study green tape

Hinten leuchtet ein durchgezogenes LED-Lichtband, wie wir es bereits vom Audi A7 kennen. Unterschied hier sind die beim Audi Q8 dreidimensional ausgeführten Gehäuse. Statt echter Blenden für die Abgasanlage verpasste man dem Q8 ähnlich sinnfreie Zierelemente wie dem Audi SQ5. Dies ist unter anderem dem Packaging des SCR-Tanks geschuldet, welcher dort sitzt, wo eigentlich die Abgasanlage in die Stoßstange mündet. Die steil abfallende Dachlinie mit schmalen Fenstern beschneidet das extrem großzügige Raumangebot im Fond kaum, lediglich vorne dürfte die Sicht durch die weit nach unten gezogene Dachkante für Fahrer über 1,90 m etwas eingeschränkt sein.

Audi Q8 Rear Design Case

Ahnenforschung

Und der Sport Quattro? Kein geringerer als er ist es, der dem Audi Q8 die Markenidentität verleihen soll. Einen direkten Vorgänger hat das SUV-Coupé der ersten Generation schließlich nicht. Im Wesentlichen wurden drei markante Karosseriemerkmale ins Blechkleid des Q8 übernommen. In der Seitenansicht fallen die kastenförmig ausgestellten Radhäuser ins Auge, die den Quattro-Charakter hervorheben sollen und Platz für die gegenüber dem Q7 gewachsene Spur schaffen. Hinten ragt unter der Heckscheibe eine Abrisskante hervor, die neben der Optik durch einen saubereren Abriss des Luftstroms auch der Aerodynamik zugute kommt. Die Rücklichter sind durch einen schwarzen Keil, einer Art Lidschatten, miteinander verbunden. In der 1/4-Perspektive von hinten soll der Einfluss des Sport Quattro am deutlichsten zu sehen sein.

Audi Q8 Silhouette Leuchtendes Klebeband Heck

Tradition verpflichtet

Und so abwegig es klingen mag, das Design zweier grundverschiedener Autos erfolgreich zu vereinen, so gut ist es Audi gelungen. Der Audi Q8 wird ein breites Publikum an überdurchschnittlich verdienenden Kunden in den Kernmärkten Europa, China und USA ansprechen und Audi wird ihn selbstverständlich als Erfolg abfeiern. Nur kommt man an dieser Stelle unweigerlich zur der Frage, ob man alles was man machen kann auch machen sollte. Die eigene Rallye Historie zur Vermarktung eines über 2-Tonnen-Schiffs heranzuziehen, damit – Vorsicht: meine Meinung – begeben sich die Ingolstädter immerhin auf extrem dünnes Eis.

Der eine ist ein reinrassiges Sportgerät, auf 200 Stück limitiert, mit der Bremsanlage des Wettbewerbsfahrzeugs auf öffentliche Straßen losgelassen, in fünf Sekunden von null auf hundert, und überhaupt nur vom Rennfahrzeug für den Straßenverkehr abgeleitet, um die formellen Voraussetzungen für die Gruppe B zu erfüllen. Der andere hingegen ist ein komfortabler Hochsitz, der sich vornehmlich im Großstadtjungle ganz weit unterhalb jeglichen Grenzbereichs bewegen wird. Die Idee, der Charakter, die Emotion, das Erlebnis, die Bedeutung in den Herzen der Menschen – die fanatischen vor der Haube, ihr erinnert euch -, all das unterscheidet die beiden Fahrzeuge grundsätzlich.

Der Audi Q8 wurde entwickelt um Absatz zu generieren. Der Sport quattro zu diesem Zweck instrumentalisiert um Sportlichkeit zu suggerieren, wo faktisch keine ist. Es ist genau dieses irreführende Marketing, durch das die Beziehung zwischen Hersteller und Kunde, nicht nur bei Audi, immer weiter abkühlt. Ja, Mercedes, die neue MBUX – äh, A-Klasse – ist gemeint. Statt digitalen Trends mit kurzer Halbwertszeit nachzueifern, sollte sich die Branche wieder verstärkt auf das fokussieren, was kein Smartphone der Welt jemals imitieren kann; die Verbindung zwischen Mensch und Maschine beim Spiel mit den Grenzen der Physik. Das Ärgerlichste daran ist, dass alles ganz anders sein könnte, wenn sie nur wollten. 2010 erinnern uns die Ingolstädter daran, dass es in den Tiefen des Werksgeländes doch noch jene gibt, die wissen was es braucht, um dem Mythos Audi quattro gerecht zu werden, statt sich immerzu nur mit dessen Lorbeeren zu schmücken.

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quattro Concept

Fünfzylinder-Turbo, 408 PS, 1300 kg, sechsfach handgerissen abgestuft, im Allrad permanent und durch sein Sportdifferenzial mit Torsen- und Sperrwirkung im Driftwinkel fast uneingeschränkt. Gebaut haben sie den quattro Concept bis heute nicht. Schade, denn genau er wäre es, der dem mittlerweile kaum noch beachteten, aber unverzichtbaren Enthusiasten, der sich im staubtrockenen Arangil stundenlang die Füße wund steht, nur um einen kurzen Blick auf den vorbeifliegenden Walter zu erhaschen, wieder alle Härchen am Arm senkrecht stellt.