Wir alle wollen ständig mobil, unabhängig und im Einklang mit der Natur leben. Trotzdem möchten man aber das urbane Umfeld und die Vorzüge der Großstand nicht missen. Das moderne SUV soll genau das alles vereinen. Eine Utopie? Wir machen den Test mit dem Lexus NX 300h F-Sport.

Für mich – mittlerweile Mitte 30 – und meine Generation war das Auto wie kaum etwas anderes ein Zeichen von Unabhängigkeit, Freiheit und
vor allem mehr als nur ein Statussymbol – es war ein Statement! Auch wenn sich das Umfeld und die Ausrichtung seitdem geändert hat,
die Passion für Autos ist immer geblieben. Aber auch an uns gehen die Spuren der Zeit nicht unauffällig vorbei. Komfort, Nutzen und Ökobilanz sind nun die Buzzwords, die uns tagtäglich begleiten. „Leider“ spielen alle diese Faktoren bei der Wahl des nächsten Autos einer immer wichtigere Rolle.

Lexus NX 300h F-Sport basaltgrau Kopfsteinpflaster

Die Qual der Wahl

Der Markt ist voll von Sportlimousinen, SUVs und Kombis mit ausreichend PS. Weiter sind auch E-Autos auf dem Vormarsch. Einfacher wird die Entscheidung dadurch also keineswegs. Kompakt, agil und sportlich mussten die Autos bis dato sein – mehr brauchte ich als Mann ohne Kinder nicht. Doch das Leben um einen verändert sich, und somit auch die Anforderungen. Demnach stehe ich nun vor der Frage was es als nächstes werden soll? Was ist für mich die kommenden Jahre wichtig? Ich möchte Platz, damit neben einem Kinderwagen evtl. auch das Mountainbike in den Kofferraum passt. Sitzheizung, Entertainment und Sportsitze stehen ebenfalls ganz oben auf der Liste. Ein Elektro währe da schon was feines, leider scheitert es hier aber an der Infrastruktur und Auswahl der Modelle. Diesel? – In Anbetracht der aktuellen Diskussionen, nein danke. Bleibt noch die Kombination aus Elektro und Benzin, vielleicht eine erste Möglichkeit sich mit der Materie auseinander zusetzen.

Kombi + 20 cm Bodenfreiheit

Einer der Pioniere auf dem Gebiet ist Toyota, kaum ein anderer Hersteller bietet seit so langer Zeit Hybrid-Fahrzeuge an wie die Marke aus dem Land der aufgehenden Sonne. Wer es eine Ecke gehobener und auffälliger haben möchte greift zur Nobelmarke Lexus. Da es hier prinzipiell keine Kombi-Modelle gibt fällt die Entscheidung recht schnell auf eine der SUV-Varianten. Der kürzlich erschienene Lexus UX ist mir doch eine Ecke zu klein, der RX zu groß und auch optisch nicht ganz mein Fall.

Zufälligerweise gibt es ein Modell das genau diese Lücke zwischen Small und Fullsize-SUV füllt. Vielleicht auch weil die Marke Lexus schon länger meine Interesse geweckt hat und ein Neukauf in Kürze geplant ist, entscheide ich mich für den Lexus NX 300h E-Four. Ähnlich der S-Line Ausstattung von Audi oder dem AMG-Paket von Mercedes gibt es bei Lexus die Option F-Sport. Natürlich hätte ich mir lieber eine reinrassige F-Variante wie beim Lexus RC-F damals gewünscht, „Mann“ wird ja noch träumen dürfen. Leider gibt es in dieser Ausführung lediglich die 192 PS-Motorisierung. Über eine 2.0 l Turbo-Version mit 235 PS hätte ich mich deutlich mehr gefreut… schade.

Der erste Kontakt

Trotzdem freue ich mich auf das neue Familienmitglied mit dem es nun einige Wochen durch Deutschland geht. Der erste Eindruck enttäuscht nicht. Das Basaltgrau wirkt zwar recht unauffällig, lässt dagegen aber den Lexus-typisch sehr futuristisch wirkenden Lexus NX 300h extrem edel erscheinen. Der einzigartige Diablo-Grill im Wabendesign mit abgesetzter Sportlippe ist den F-Sport Versionen vorbehalten und hebt sich klar von der normalen Konfiguration ab. Im Inneren begrüßt einen das bereits aus anderen Modellen bekannte Sport-Lederlenkrad. Dekor-Elemente glänzen im gebürstetem Aluminium, ein Leder benähtes Armaturenbrett und sportlich geformte Sitze mit verstellbaren Wangen bieten für Fahrer und Beifahrer den zusätzlichen Halt für sportliche Fahrten. Aber genug gelabert, rein in den Sessel und ab auf die Straße!

Timesquare im 90er-Jahre Manga-Stil

Reizüberflutung auf allen Kanälen! Ich komme mir vor wie in New York als ich das erste mal auf dem Timesquare stand. Lichter, Schalter, Knöpfe, Hebel und Displays – von allen Seiten ruft das Cockpit zu mir „hey sieh mich an, hier bin ich!“ Erst einmal durchatmen und sammeln. Zum Glück liegt der Start & Stop-Knopf immerhin auf Augenhöhe neben dem Lenkrad und ich kann den Lexus NX 300h zum Leben erwecken… Oder doch nicht? Doch, er ist an – abgelenkt durch das bunt animierte Interface habe ich ganz vergessen, dass der Hybrid mit ausreichend geladener Batterie ganz ohne Motorstart fahrbereit ist.

Ein komisches Gefühl. Die knapp 45 km Heimfahrt bin ich jedoch mehr mit dem Interface als der Straße beschäftigt, denn die schiere Flut an Funktionen hat auch mich als Digital-Native maßlos überfordert. Zum Glück funktioniert die Sprachsteuerung auf Anhieb. Ein Segen, um schnell das Reiseziel ins Navigationssystem zu bekommen.

Warm werde ich so auf Anhieb nur mit der Sitz- und Lenkradheizung, beides arbeitet schnell aber nicht vollflächig. So ist nur die 9/3-Stellung am Lenkrad sowie der untere Lendenbereich am Sitz Teil des Relax-Programms. Auch die auf den ersten Blick so wohl geformten Sportsitze fühlen sich zwar gemütlich an, liegen in perfekter Höhe zum Ein- und Aussteigen, der Seitenhalt ist aber lediglich auf Optik getrimmt. Ruck zuck sind sie aber vorbei die knapp 60 Minuten in Richtung Düsseldorf und ich muss sagen, soweit fühlt es sich gut an.

Mittlerweile habe ich auch rausgefunden wie man sein Smartphone koppelt oder die Audioeinstellungen bearbeitet. Gewohnt fahre ich wie jeden Tag zur Garage und stelle mir im gleichen Moment die Frag „passt das?“. Ein garnicht so unwichtiger Faktor beim Auto, vor allem wenn man an die engen Parkhäuser der Großstadt denkt. Mit angeklappten Außenspiegeln und praktischer 360° View im Display ist es aber schon extrem einfach den knapp 5 Meter langen Boliden in die Parklücke zu bewegen. Siehe da, er passt rein! Glück gehabt. Bei meinem nächsten Ziel, ist Platz aber das kleinere Problem, denn morgen geht es raus aus der Stadt in die Eifel.

Raus aus dem Alltag, rein in die Natur

Viele SUVs werden heutzutage als aufgeblasene Mini-Vans mit erhöhter Sitzposition beschimpft, die es den unzähligen Hausfrauen einfacher machen soll über den Bürgersteig vor dem Gucci-Store zu fahren. Doch ich will mich nicht mit Vorurteilen begnügen und möchte wissen, was der Lexus wirklich im Stande ist zu leisten. 90 % der Fahrzeuge werden wohl nicht mehr als den Schotterweg der Hauseinfahrt zu spüren bekommen, doch ich will richtig rein in die Natur. Quer durch den Wald, über Stock und Stein und tiefe Löcher.

Etwas mulmig ist mir schon beim erst mal als ich von den befestigten Straßen in den Wald abbiegen. Kleine Unebenheiten und Matschlöcher schluckt der knapp 25 cm hohe 5-Sitzer ohne mit der Wimper zu zucken, doch wie sieht es mit Hügeln und Hindernissen aus? Langsam taste ich mich durchs Unterholz und bin überrascht. Der Allradantrieb sorgt jederzeit für perfekten Grip und zieht sich souverän durchs Hinterland. Ob über Stämme, Steine oder Gräben. Hut ab, dass habe ich nicht erwartet!

Mit Ecken und Kanten abheben von der Masse

Lexus macht das, was sich viele nicht trauen, die Marke sticht aus der Masse hervor. Und als wäre das asiatische Design nicht schon Auffällig genug, untermalt die F-Sport-Variante des Lexus NX 300h die wuchtigen Radkästen und bullige Front noch ein Stück mehr. Hier würde ich mir auch etwas mehr Mut von deutschen Herstellern wünschen. Ohne Mühe macht man ihn in der Flut von Audis, BMWs und Mercedes-Benz, die sich üblicherweise durch den Großstadtjungle quetschen, aus. Doch wer sich selbst in einem Auto der drei großen Deutschen wieder findet, der weiß, dass Lexus wie auch alle anderen Marken den Deutschen in Sachen Verarbeitung und User Experience noch hinterher fährt. Doch erstaunlich wie schnell man sich an neues gewöhnt. Genauso schnell sind auch die knapp 3 Wochen vorbei die mich der Lexus nun begleitet hat, doch was bleibt?

Auf dem richtigen Weg aber noch lange nicht am Ziel

Für die rund 65.000 € die der Testwagen in der Konfiguration kostet, bekommt man ein gehobenes Level an Ausstattung, das sonst nur der Oberklasse vorbehalten ist. Ausreichend Platz, mutiges Lexus-typisches Design und viel Spielereien – alles was 2018 in ein modernes Auto gehört. Die Kombination bietet kaum ein anderer Hersteller in der Preisklasse. Dass dies nicht ganz ohne Abstriche möglich ist, bemerkt man schnell. Die Kunststoffoberflächen wirken ziemlich einfach und auch die Lederwertigkeit ist nicht mit denen deutscher Hersteller zu vergleichen.

Lexus scheint bei der Verarbeitung in den 2000er stecken geblieben zu sein. Während man beim Audi Q5 auf virtual Cockpit blickt muss man sich bei Lexus mit einer Digitalanzeige im Stil der 90er und klassischen Rundinstrumenten begnügen. Auch der damals so innovative Hybrid-Antrieb hat mich nicht überzeugt. Vollelektrisch geht es nur vorwärts wenn man das Gaspedal wie ein rohes Ei behandelt, ansonsten spielt der Antrieb mit dem Benzinmotor Tango und wechselt sich in jeder Situation einen Schlagabtausch, wer denn nun die Kraft des Vortriebs erzeugen darf. Quittiert wird dies mit einem Durchschnittsverbrauch von um die 10 l bei gemischter und nicht einmal ansatzweiser sportlicher Fahrweise. Wirklich sportlich fahren will man mit dem Auto aber auch garnicht, es lädt eher zum Entschleunigen als zum Beschleunigen ein.

Wäre ein SUV bzw. speziell der Lexus NX 300h das richtige Auto für mich?

Ja und Nein. Denn die Option SUV spielt ihre Vorteile schon klar aus. Viel Platz, einfacher ein- und aussteigen und gute Übersicht sind Vorteile die man nicht von der Hand weisen kann. Etwas mehr F-Sport und weniger Verbrauch hätte ich mir am Ende schon gewünscht. So geht die Suche also weiter.