Dreirädriges Motorrad Can-Am Ryker Drift auf unbefestigter Straße

Mit dem Ryker etabliert Can-Am eine neue Modelreihe in deren On-Road Three-Wheeler-Lineup. Der geringe Einstiegpreis von 9799 € und das serienmäßige Automatikgetriebe macht das Recreational Vehicle endlich erschwinglich und zieht gleichermaßen neue wie auch erfahrende Fahrer an. Hab ich das Beste schon erwähnt?! Der Can-Am Ryker kann Off-Road und hat einen Drift-Mode bekommen! Um ihn zu fahren benötigt ihr nichts weiter als einen PKW-Führerschein!

Verzeiht mir, dass ich um jeden Preis versuche das Wort Dreirad oder Trike mit dem Can-Am Ryker NICHT in Verbindung zu bringen. Die kanadische Fun-Schmiede definiert nämlich das komplette Genre neu. Der Spyder, der ebenfalls von Can-Am vor knapp einem Jahrzehnt entwickelt wurde, beansprucht das Touring-Segment für sich und bot damals schon eine komplett neue Driving Experience. Doch so richtig cool war er nicht, sieht man doch überwiegend Oldies auf dem Touring-Three-Wheeler. Der Ryker bringt dagegen den Coolness-Faktor in ein deutlich bezahlbares Preissegment.

Das Design ist böse und futuristisch zugleich. Die Y-Shape getaufte Plattform erinnert mich unweigerlich beim Aufsatteln an einen Pod-Racer aus Star Wars. Durch die geringe Sitzhöhe von lediglich 57 Zentimetern und eine knapp bemessene Bodenfreiheit von 10 cm kribbelt es mich jedes Mal auf’s neue sobald ich den Motor anlasse. Nicht nur, dass Passanten und auch andere Motorradfahrer ein wenig neidisch sind auf dieses uneheliche Kind aus dem Blade Runner-Franchise und Transformers-Universum (natürlich habe ich mich für die gelbe Bumble Bee-Lackierung entschieden), er hört sich sogar ab Werk so verdammt gut an…

Unheilsbringer ist in diesem Fall ein 900 ccm Dreizylinder von Rotax. Anders als zum kleineren Einstiegsmotor (Rotax 600 ACE) bringt die Leistungsstärkere Variante neben 82 PS/61,1 kW und 79 Nm Drehmoment verschiedene Fahrmodi mit sich!

Male posing on a Can-Am Ryker Rally Edition in Algarve Portugal at sunset

Der Can-Am Ryker bringt Dopamin auf die Staße, überzeugt im Gelände

Sicherlich fragt ihr euch wie sich so ein Ritt auf dem Bullen anfühlt. Die relativ kompakten Fahrzeugausmaße bringen vor allem Agilität in Kurvenfahrten, jedoch will mit und auf dem Three-Wheeler gearbeitet werden! Anders als beim Motorrad bringt euch das „in die Kurve lehnen“ rein gar nichts, außer einer unbequemen Sitzposition. Dagegen macht es absolut Sinn beim Einlenken in spitze Kurven das gesamte Gewicht auf die Vorderachse zu verlagern um das Heck leichter zu machen, um so tatsächlich im Sportmodus mit dem Architekturbedingt Kopflastigen dreirädrigen Motorrad zu spielen. So kann man relativ easy das Hinterrad versetzen und entweder früh aus der Kurve herausbeschleunigen oder tatsächlich mit ein wenig Übung kleine Drifts hinlegen. Zudem sei gesagt, dass ihr die Kraft zum Lenken aus der Schulter (drücken) nehmt und beispielsweise bei langen Kurven eher am Lenker zieht um den muskulären Gegenspieler, in diesem Fall, der Rücken zu aktivieren.

Wer jetzt Angst hat, dass meine Beschreibung suggeriert, was die Dämpferabstimmung widerspiegelt – ein brutales, hartes Fahrerlebnis – dem muss ich den Zahn ziehen. Denn die Dämpfer des optionalen Fahrwerks lassen sich z. B. verstellen, ebenso sind maßgeblich Körperhaltung, eingestellter Drive-Mode und die Art eurer Ausfahrt dafür verantwortlich, wie ihr den Ryker fahren wollt. Ein Mix aus vorwiegend sportlicher Fahrweise und Touringetappen zur Entspannung machen so auch 7 – 8h Ausfahrten realistisch. Mit einem Motorrad wäre so etwas undenkbar. Zumindest aber könntet ihr euren Blick garantiert nicht über die malerische Landschaft Portugals schweifen lassen.

Driver standing on his three wheeler Can-Am Ryker in yellow

Kopfsache.

Hier sehe ich auch neben dem Vorzug den Can-Am Ryker lediglich mit einem Autoführerschein fahren zu können, den größten Vorteil: man ist durch die drei Räder deutlich sicherer und entspannter unterwegs. Meiner Meinung nach werdet ihr zumindest im Ryker mehr erleben. Okay vielleicht weniger Nahtoderfahrungen und körperliche Erschöpfung, aber deutlich mehr Erinnerungen an die wunderschöne Landschaft haben als auf einem Zweirad.

Ich will hier gar nichts gut oder schlecht reden, denn selbst die Jungs und Mädels von Can-Am sind alle durch die Bank eingefleischte Motorradfahrer (BMW R NineT, Triumph Street Triple und Honda Fireblade sind wohl hier die beliebtesten Fabrikate), aber war da nicht noch was?

Hart im nehmen.

Stock und Stein. Scheiss egal! Richtig, denn mit dem Ryker kauft ihr nicht nur ein Fahrzeug. Im Grunde kauft ihr das Unicorn, das nach Zuckerwatte schmeckende Furze abfeuert. Es sticht aus der Masse hervor, sieht wunderschön aus und ist ungeachtet der Hufe auf dem Asphalt und abseits der Straße zu Hause.

Zugegeben, ich war ein bisschen skeptisch ob Can-Am mit dem Ryker noch einen weiteren Hasen aus dem Hut zaubern kann. Verdammt lag ich falsch! Da in Portugal anders als in Spanien oder Frankreich Off-Road-Tracks als offizielle Straße eingetragen sind, sieht man hier sehr häufig 4×4-Trainings. Lange Rede, kurzer Sinn. Wir standen dann irgendwann im Nirgendwo. Die Klamotten nur noch in ausgewaschenen Grautönen von Staub und Sand gehalten – weiße Schuhe wären besser gewesen als schwarze. Eine eigene Atmosphäre aus aufgewirbelten Abgasen, Dunst und Kies in der Luft. Die Sonne nur noch schwer durch die Lichtschluckenden Partikel ausmachbar. Der Vordermann lediglich durch die rot glühenden LED-Rücklichter noch sichtbar. Verdutzte Blicke aus dem Beifahrerfenster des VW Amarok, der auf einer höhergelegenen Trasse auf uns in Tal herunterblickt.

Three Can-Am Ryker driving Off-Road in Portugal

Das was ich hier beschreibe kommt nicht annähernd daran, wie es sich anhört. Als würdet ihr euren Can-Am Ryker in die Glasrecyclinganlage schmeißen und zuhören wie jeder Quadratzentimeter des Dreiräders komplett penetriert, beschossen und gecrusht wird. Ich kann mir weiterhin nicht erklären, wie der Ryker das aushält und abgesehen von einem Kratzer eines wohl durch den Vordermann hoch katapultieren Steins am Radkastens und einem Steinschlag an der austauschbaren Verkleidung vorne absolut keine Spuren hinterlassen wurden. Mal abgesehen davon, dass ich keinen blassen Schimmer habe, wie ich das Fahrzeug und auch mich wieder sauber kriege. Zuletzt als ich so aussah, hatte ich einen Tag Hausarrest im Alter von 7 bekommen.

Was kann man an diesem Three-Wheeler nicht lieben?

Er mag es hart rangenommen zu werden, lädt aber auch zur entspannten Ausfahrt an. Eben wie die perfekte Frau – leicht schizophren, aber dafür voller Abenteuer! Oder besser gesagt in diesem Fall: die pure Freiheit. Dementsprechend färbt dies wortwörtlich auch auf die Individualisierungsoptionen ab! Fast alle Paneele und Bauteile sind komplett customizable. Insgesamt ergeben alle möglichen Konfigurationen 75.000 verschiedene Varianten wie ein Can-Am Ryker aussehen kann.

Apropos. Aussehen. Auch der Weg zum Lenker lässt sich verlängern oder verkürzen. Ebenfalls sind die Fußrasten und das Bremspedal in fünf verschiedene Positionen verstellbar. Das ganze schimpft sich UFit-System. Ich bin mir ziemlich sicher der Ryker wird gleichermaßen beim weiblichen wie auch männlichen Geschlecht für Begeisterung sorgen.

Can-Am Ryker Rally Edition in the woods

Fahrspaß trotz wegen vieler Fahrsicherheitssysteme

Genug geschwärmt. Ich geb’s zu. Ich bin ein wenig verliebt. Doch eine Frage will ich nicht im Raum unbeantwortet stehen lassen, denn diese höre ich immer wieder:

Regelt die Traktionskontrolle bzw. das ESP nicht zu strickt? Ist der Spaßfaktor mehr Werbeversprechen als Realität?

Am liebsten würde ich sagen „Hier, nimm meinen Helm und probiere es aus!“. Im Ernst, wie oben bereits erwähnt, muss man sich eigentlich nur grundlegend Physik und Menschenverstand anwenden um das Maximum an Spaß aus der Maschine herauszuholen. Viele vergessen, dass man selbst Teil des Fahrzeugs wird, eben genauso wie beim Motorrad.

Ich habe mit dem Can-Am Ryker sowohl auf festem Untergrund, Off-Road als auch auf Nadelbedeckten Waldboden saubere, kontrollierte Drifts hingelegt, die innerlich mehr knallen als Ahoi-Brause durch die Nase gezogen. Es ist wahr, dass die Stabilitätskontrolle merklich in Grenzsituation wie einem extremen Aufwanken des „Dreirads“ eingreift. Das ist aber auch gut! Schließlich ist das Trike 2.0 relativ kopflastig – der Löwenanteil der 285 kg Leergewicht bei der Rally Edition liegen logischerweise auf der Vorderachse. Somit dürfte klar sein, dass der Ryker beim Verlust der Haftungsgrenze der Reifen gnadenlos in das Untersteuern gerät.

Die Elektronik schiebt beim Ryker also oft den Riegel vor. Sofern ihr meint ohne Sachverstand am Limit fahren zu müssen. Die nackte Wahrheit ist: das ESP bewahrt euch vor schlimmerem. Bei dem relativ hohen Leergewicht seid ihr nämlich der Böschung in Kurven tatsächlich oft näher als der Ideallinie – also Kopf einschalten und bereits vor der Kurve bremsen. Damit habt ihr mehr Traktion, könnt sauber den Apex treffen und lasst euch raustragen. Off-Road ist die Sensitivität ebenfalls ziemlich mühevoll angepasst worden. Ich lege meine Hand dafür in’s Feuer, dass ein Ken Block als Markenbotschafter eben auch seine guten Seiten hat, was die Abstimmung und das Image angeht. Wer daran noch Zweifel hat, darf sich gerne das Titelbild einmal genauer anschauen. 😛

Der Traum von Freiheit. Bezahlbar.

Rund um trifft Can-Am den Nagel auf den Kopf mit der neuen Produktreihe. Selten hatte ich soviel Spaß bei einer Ausfahrt und dazu noch das extrem gute Gewissen wie auch die Unbeschwertheit einfach jeden Weg einzuschlagen, auf den ich gerade Bock habe! Ich sage Can-Am Ryker! Freiheit kann man es aber auch nennen!

Hier noch ein kleiner Überblick worin sich die hier getestete Rally Edition vom Three-Wheeler Grundmodell unterscheidet:

  • Kühlergrillschutz für unbefestigte Straßen
  • Unterbodenschutz gegen Steine und Schmutz
  • Ein spezieller Rallysitz für sicheren Halt und bessere Polsterung
  • Integrierter Handschutz für mehr Sicherheit (hat mir einige verstauchte oder gebrochene Finger erspart!)
  • Robustere Radaufhängungen
  • Fahrwerksupgrade an beiden Achsen, 4-fach in Druck- und Zugstufe einstellbare Stoßdämpfer hinten
  • Max Mount-Trägergestell (für Mitfahrersitz oder zusätzliche Gepäckaufnahme)